23.12.2016
Wenn wir von Mut sprechen, der einzigen moralisch neutralen Tugend, dann kann man den Attentätern - was immer sonst auch über sie zu sagen wäre - eines nicht vorwerfen: dass sie Feiglinge seien

Terror-Bekämpfung in Europa

Wann endlich merken die westlichen Staaten, dass ihre Einmischungspolitik in fremde Kulturen nur Elend, Destabilisierung und letztendlich Krieg erzeugt, die die Menschen zur Flucht treibt und dabei Terror produziert. Ungeheuren Einsatz an Produktivkräften bindet, die besser für die Entwicklung der notleidenen Bevölkerung in den ärmeren Ländern eingesetzt werden könnten, um dort vorhandene Antriebskräfte zu fördern, die dem Land nützen.Die Politik "Mit dem Weiterso", hat uns in eine schier aussichtslose Situation versetzt, die schwer zu durchbrechen scheint, die nur durch einen Politwechsel verändert werden kann, um auch die Schiene der rechtsradikalen und menschenverachtenden Parteien in Deutschland zurückdrängt. HJR

Das STRAUBINGER TAGBLATT erläutert realistisch über die Situation am Hindukusch: "Die islamistischen Terror-Kämpfer sind nicht nachhaltig geschwächt worden. Auch deshalb verlieren viele Afghanen zunehmend die Hoffnung auf eine gute Zukunft ihres Landes. Scharenweise verlassen gerade junge Menschen das Land, obwohl sie keine Chance auf Asyl in Europa haben. Der Westen ist gescheitert, hat zu lange auf die falschen Figuren gesetzt und tut dies noch immer, hat Geld in das Land gepumpt und zu wenig darauf geschaut, was damit geschieht."

Susan Sontag fand schon damals die richtigen Worte:

Unsere Stärke wird uns nicht helfen

Wo ist das Eingeständnis, dass es sich nicht um einen »feigen« Angriff auf die »Zivilisation«, die »Freiheit«, die »Menschlichkeit« oder die »freie Welt« gehandelt hat, sondern um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzige selbsternannte Supermacht der Welt; um einen Angriff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde?

Wie vielen Amerikanern ist bewusst, dass die Amerikaner immer noch Bomben auf den Irak werfen? Und wenn man das Wort »feige« in den Mund nimmt, dann sollte es besser auf jene angewandt werden, die Vergeltungsschläge aus dem Himmel ausführen, und nicht auf jene, die bereit sind, selbst zu sterben, um andere zu töten. Wenn wir von Mut sprechen, der einzigen moralisch neutralen Tugend, dann kann man den Attentätern - was immer sonst auch über sie zu sagen wäre - eines nicht vorwerfen: dass sie Feiglinge seien.

Unsere politische Führung redet uns entschlossen ein, alles sei in Ordnung. Amerika fürchtet sich nicht. Unser Geist ist ungebrochen. »Sie« werden aufgespürt und bestraft werden (wer immer »sie« sind). Wir haben einen Präsidenten, der uns wie ein Roboter immer wieder versichert, daß Amerika nach wie vor aufrecht steht. Von vielen Personen des öffentlichen Lebens, die die Außenpolitik der Regierung Bush noch vor kurzem heftig kritisiert haben, ist jetzt nur noch eines zu hören: daß sie, gemeinsam mit dem gesamten amerikanischen Volk, vereint und furchtlos hinter dem Präsidenten stehen. Die Kommentatoren berichten, dass man sich in psychologischen Zentren um die Trauernden kümmert. Natürlich werden uns keine grässlichen Bilder davon gezeigt, was den Menschen zugestoßen ist, die im World Trade Center gearbeitet haben. Solche Bilder könnten uns ja entmutigen. Erst zwei Tage später, am Donnerstag (auch hier bildete Bürgermeister Guiliani wieder eine Ausnahme), wurden erste öffentliche Schätzungen über die Zahl der Opfer gewagt.

Es ist uns gesagt worden, dass alles in Ordnung ist oder zumindest wieder in Ordnung kommen wird, obwohl der Dienstag als Tag der Niedertracht in die Geschichte eingehen wird und Amerika sich nun im Krieg befindet. Nichts ist in Ordnung. Und nichts hat dieses Ereignis mit Pearl Harbor gemein. Es wird sehr gründlich nachgedacht werden müssen - und vielleicht hat man ja damit in Washington und anderswo schon begonnen - über das kolossale Versagen der amerikanischen Geheimdienste, die Zukunft der amerikanischen Politik besonders im Nahen Osten und über vernünftige militärische Verteidigungsprogramme für dieses Land. Es ist aber klar zu erkennen, dass unsere Führer - jene, die im Amt sind; jene, die ein Amt begehren; jene, die einmal im Amt waren - sich mit der willfährigen Unterstützung der Medien dazu entschlossen haben, der Öffentlichkeit nicht zuviel Wirklichkeit zuzumuten. Früher haben wir die einstimmig beklatschten und selbstgerechten Platitüden sowjetischer Parteitage verachtet. Die Einstimmigkeit der frömmlerischen, realitätsverzerrenden Rhetorik fast aller Politiker und Kommentatoren in den Medien in diesen letzten Tagen ist einer Demokratie unwürdig.

Unsere politischen Häupter haben uns auch wissen lassen, dass sie ihre Aufgabe als Auftrag zur Manipulation begreifen: Vertrauensbildung und Management von Trauer und Leid. Politik, die Politik einer Demokratie - die Uneinigkeit und Widerspruch zur Folge hat und Offenheit fördert, ist durch Psychotherapie abgelöst worden. Lasst uns gemeinsam trauern. Aber laßt nicht zu, dass wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben. Ein Körnchen historischen Bewusstseins könnte uns dabei helfen, das Geschehene und das Kommende zu verstehen. »Unser Land ist stark«, wird uns wieder und wieder gesagt. Ich finde dies nicht unbedingt tröstlich. Wer könnte bezweifeln, dass Amerika stark ist? Aber Stärke ist nicht alles, was Amerika jetzt zeigen muss.

Ms Sontag starb in New York City am 28. Dezember 2004.

© Friedensinitiative Bruchsal