10.11.2014
Alternativer Stadtrundgang

Bruchsal unterm Hakenkreuz

Am 9. November 2014 fand traditionell wieder der der Alternative Stadtrundgang statt. Für die Teilnehmer, die es gerne noch einmal nachlesen möchten veröffentlichen wir hier unsere Ausführungen.Zu bemerken wäre, dass nicht alle Stationen erwähnt wurden, da die Zeit knapp wurde.

Zum Alternativen Stadtrundgang gibt es auch ein Brochüre, die unter unserer Kontakt-Adresse käuflich erworben werden kann.

siehe auch unsere Linksammlung Nr. 1:

http://landfunker.de/ktv/detail.php?rubric=2&nr=64702

Die Friedensinitiative Bruchsal ist eine parteiunabhängige Gruppe aus 5-6 aktiven Mitgliedern, die sich mit friedenspolitischen Themen, Abrüstung, Krieg, Rüstungs­exporte, gewaltfreie Verteidigung u.a. mehr beschäftigt. Wir treffen uns wöchentlich am Donnerstag in Bruchsal. Neben den tagespolitischen Themen beschäftigen wir uns auch mit größeren Themenkomplexen wie z.B. dem Nationalsozialismus in Bruchsal. Ziel dieses Projektes, aus dem die Alternative Stadtrundfahrt resultierte, ist es klarzumachen, dass das Nazi-Regime nicht nur in München, Berlin, Dachau oder Auschwitz war, sondern auch in der Stadt in der wir leben. Wir wollen dies an Plätzen und Ge­bäuden belegen, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht.

Friedhof Wir möchten zunächst einige ausgewählte Grabsteine des Bruchsaler Friedhofs zeigen. Es handelt sich dabei um jüdische und politische Opfer des Nazi-Terrors. Neben diesem jüdischen Abteil auf dem Friedhof gab es noch einen weiteren am Eichelberg, der nach der Reichspogromnacht verwüstet wurde. Etwa 1000 Grabsteine befanden sich auf eine Länge von 700 Meter zur Befestigung der Obergrombacher Hohle. Der jüdische Friedhof befindet sich genau neben der von der Bundeswehr errichteten Schießanlage. Josef Heid, SPD-Landtagsabgeordneter in Baden. Schutzhaft KZ Heuberg. Übersiedlung zu Verwandten nach Bruchsal. In Bruchsal verhaftet. Dachau ermordet.

Tharahalle auf dem jüdischen Friedhof

Die Stadt Bruchsal will mittelfristig die Tahara-Halle für eine Gedenkstätte herrichten.

Peterskirche

Reichsweit - so auch in Bruchsal - wurden im Krieg Kirchenglocken von der Rüstungs­industrie als Rohstoffquelle missbraucht. In Bruch­sal mussten alle Kirchen bis auf die Hofkirche ihre Glocken zur Verfügung stellen. Die Peterskirche musste ihre am 7. Januar 1942 fortgeben (Bilddokument).

Schwesternhaus "Santa Maria"

Während des 2. Weltkriegs wurde dieses Schwesternhaus zu einem Lazarett umfunk­tioniert.

Adolf-Hitler-Platz (Kübelmarkt)

Wie hier in Bruchsal wurden reichsweit Straßen und Plätze schon bald nach der Machtübernahme nach NSDAP-Größen benannt. Wir hatten davon schon bei der Söternstr. gehört. Hier ein weiteres Beispiel: Der heutige Kübelmarkt hieß zur damaligen Zeit Adolf-Hitler-Platz. Juli 1932 Schlägerei zwischen NSDAP und KPD bei großen Brücke.

Gasthaus "Einhorn" (heute "Salmen")

Hier stand unweit des heuti­gen Gasthaus "Salmen" das Gasthaus "Einhorn", in dem sich die Bruchsaler SA traf und das als Parteilokal der NSDAP diente. Das "Einhorn" war auch Wahllokal. Ein Zeitzeuge erinnert sich an folgenden Vorfall des 06.03.33 (Tag nach der Reichstags­wahl): "... , da kam vom Damianstor her mit wüstem Gejohle ein brauner Zug, der einen Mann mit einer um den Hals gebundenen Hakenkreuz­flagge vor sich hertrieb und ihn übel trak­tierte - es war nach meiner Erinnerung der Bruchsa­ler Sozialdemokrat Staiber. Gespannt, was daraus werde, liefen wir durch die Friedrich- und Kaiser­straße mit bis zum "Einhorn", dem Parteilokal der NSDAP. Von einem Fen­ster herab beschimpfte der Kreis­leiter Emil Epp den Ärmsten auf die übelste Weise und schloß mit dem Appell an seine SA-Män­ner, dem "Roten" zu zeigen, wer nun Herr in Bruch­sal ist. Sie bewiesen es mit ihren Fäusten und Gewehrkolben, und in­dem sie den Wehrlosen gnadenlos anspuckten."

Druckerei Biedermann (Redaktion des „Bruchsaler Boten“). Ecke Seilersbahn/Holzmarkt. 1937 geschlossen. Später Versammlungsräume der Flieger-HJ

Holzmarkt: Ausstattungsgeschäft Rosenberg, Eisenhandlung Schloßberger

Stadtkirche (Jugendgruppe Neudeutschland)

Die SA-Schergen trafen sich nicht nur im "Einhorn" am Adolf-Hitler-Platz sondern auch hier im "Krokodil" (heutiges Schuhhaus 'Berg'). Es wurden nicht nur politische Gegner vom Regime verfolgt sondern auch religiöse Menschen. So hatte z.B. ein am 22.4.34 eingerichteter HJ-Streifendienst u.a. die Auf­gabe Spitzeldienste in Kirchen durchzuführen. Die Aktionen richteten sich besonders gegen die katholische Kirche. Ein Beispiel: Die religiöse Jugendgruppe "Neudeutschland" umfasste in Bruchsal im Jahre 1933 etwa 35 Mitglieder. Am 27.06.39 wurde "Neudeutschland" als Organisa­tion for­mell verboten. Bereits am 5.7.39 durchsuchten Gestapo-Leute die Wohnung des damaligen Gruppen­führers Hans Bausch (Es gab seit 28.8.33 eine Außenstelle der Gestapo in Bruchsal.). Bei Durchsuchungen und Verhören der Gestapo im Mai 1941, bei der sich der stadtbekannte Gestapo-Mann Gerst besonders her­vortat, wurden sieben Gymna­siasten wegen ihrer illegalen Wei­terführung der Gruppe aus der Schule verwiesen. Auf der Suche nach dem Mann im Hintergrund wurde der Pfarrer der Stadtkirche Franz Schmitt festgenommen und zu 10 Monaten Gefängnis verur­teilt. Nach Verbüßen der Haftstrafe wurde er von der Ge­stapo ei­ner weiteren "Sonderbehandlung" zuge­führt. Seine Erlebnisse schildert Pfarrer Franz Schmitt in dem Buch "Löscht den Geist nicht aus" (siehe Quellen­nachweis). Taschenbuch in der Stadtbibliothek „Gruppe Christopher“.

Bergfried

Seit dem 13. Jahrhundert dient der Bergfried als Gefängnis und Hinrichtungsstätte. Zur Zeit der Bauernkriege wurden hier Bauern­führer hingerichtet. Während der Weimarer Republik war hier eine "mobile" Guillotine in einem Verlies deponiert. Diese wurde etwa zehnmal pro Jahr für Todesurteile in Baden zur Verfügung gestellt. Ein Bruchsa­ler Spediteur brachte sie morgends zum Hinrichtungsort und nach der Vollstreckung wieder zurück nach Bruchsal.

Am 7.12.44 wurde der 18-jährige Anton Graf hier geköpft. Das Urteil lautete wie folgt: "Der Angeklagte Anton Graf aus Binzen hat als jugendlicher Schwer­verbrecher und gefährlicher Gewohnheitsverbrecher 1. als Volksschädling fortgesetzt Einbrüche und andere Diebstähle begangen und zu begehen versucht, 2. als Gewaltverbrecher sich sodann seiner Festnahme durch den ihn verfolgenden Hitlerjungen G. mit dem Messer erwehrt und den G. hierbei durch Stiche verletzt, 3. als Gewaltverbrecher nach seiner Inhaftierung im Gerichtsgefängnis Waldshut versucht, zusammen mit dem Mitangeklagten C. und dem Gefangenen H. unter gewaltsamer Überwältigung des Aufsichts­beamten mit vereinten Kräften aus dem Gefängnis auszubrechen, wobei das Unternehmen jedoch durch vorzeitige Entdeckung scheiterte. Graf wird hier­wegen zum Tode verurteilt. Die Ehrenrechte werden ihm auf Lebenszeit abge­nom­men." Dieser Fall ist besonders bemerkenswert, da Graf zum Zeitpunkt seiner Strafta­ten noch nicht 18 Jahre alt war und deshalb nach dem Jugend­strafrecht, das keine Todesstrafe vorsah, hätte verurteilt werden müssen. Über seine nicht vorhan­dene Reife lag auch ein Gutachten vor. Heute würde man so einen Jugendlichen als milieugeschädigt bezeichnen (12 Geschwister, Vater Hausierer und Lumpensammler, Eltern und einige Geschwister vorbe­straft). Dennoch wurde auf Graf das allgemeine Strafrecht angewandt, wobei selbst dies nicht zwingend für seine Delikte die Todes­strafe vorsah. Vom Juni 44 bis Feb. 45 wurde einmal pro Monat im 3-Minuten-Takt geköpft. Das Gebäude war entsprechend ausgelegt. Es bestand aus drei Räumen. Im ersten wurde der Todeskandidat vorbereitet; im zweiten fanden die Hinrichtungen statt. Dieser Raum war zur besseren Reinhaltung ge­kachelt. Hier stand die Guillotine. Während der Tote in den drit­ten Raum zum Einsargen ge­bracht wurde, konnte der nächste Todes­kandidat in den zweiten Raum zur Guillotine gebracht werden. Die Hingerichte­ten wurden auch der Anatomischen Abteilung der Universität Heidelberg zur Verfü­gung gestellt. Hier wurden Gewebeschnitte etc. zu Anschauungszwecken hergestellt und zum Teil diente dieses Material bis vor kurzem zu Unterrichtszwecken. Nach dem Abriss der Psycha wurden die Steine zunächst im Steinbruch abgeladen und dienen jetzt zur Verkleidung der Tunneleinfahrt.

Huttenstraße

Täglich wurde ein Teil der Gefangenen diese Straße entlang zum Bahnhof gebracht, von wo aus sie ein Sonderzug nach Ludwigshafen zur Zwangsarbeit bei der BASF brachte. Abends kehrten sie hier wieder im Gleichschritt zurück ins Gefängnis, wie Straßenanwohner von damals berichten.

Militärgefängnis

Auf dem Areal, wo heute das Bürgerzentrum prankt, stand zur Zeit des Nationalsozia­lismus ein Wehrmachtsgefängnis. Es wurde beim Bombardement am 1. März 1945 zerstört. Es stehen nur noch die beiden Verwaltungsgebäude, die den Eingang zu die­sem Gelände bildeten. Es saßen hier ca. 600 Wehrmachtangehörige ein. Delikte wie z.B. Befehlsverweigerung, Diebstahl etc. führten zur Einweisung in dieses Gefängnis. Nach Verbüßen der Haftstrafe wurden die Insassen an berüchtigte Frontabschnitte versetzt. In Bruchsal mussten sie Strafexerzieren und wurden zu Zwangsarbeit in Bruchsal und in Ludwigshafen bei der BASF herangezogen. In Bruchsal mussten die Gefangenen des Wehrmachtsgefängnises z.B. unterhalb des Weinbergs des Paulus­heims und am Standort der abgebrannten Synagoge sog. "Splittergräben" ausheben. Außerdem wurden sie gezwungen die Obergrombacher Hohle mit den Grabsteinen des Judenfriedhofs zu befestigen.

Psycha ("Weiberstrafanstalt")

Die Psycha, eine Außenstelle des Bruchsaler Zuchthauses, die bis 1945 unter Justiz­ver­waltung stand. Bis 1975 wurde sie noch als Strafanstalt genutzt und 1980 abgeris­sen. Hier wurde eine Hinrichtungsstätte gebaut, die Standort einer Guillotine war, und am 15. Mai 1944 in Betrieb genommen. Es wurden 55 zivile Todesurteile vollstreckt. Delikte die zum Todesurteil führten waren Schwarzschlachten, Geflügel- oder Ge­päckdiebstahl, Betrug mit Essensmarken u.a.. Ein Beispiel (aus R. Kaufmann: "Seilersbahn - Ein Weg Geschichte"): Huttenstr. (2. Mal - Rückweg) In der Huttenstraße befand sich das Wohnhaus des Ju­denschultheiß Süßel. Er ver­machte es Mitte des 18. Jahrhunderts der jüdischen Ge­meinde als Rabbiner­wohnung. Im Dachgeschoß dieses Hauses wurde im barocken Stil eine Synagoge eingerichtet, die prächtig ausgestattet war. Nach der Deportation der Juden wurde das Gebäude als Offizierskasino benutzt. Der Jude Jakob A. Groß besaß das Stoff- und Textilgeschäft rechts an der Ecke Hut­ten- und Friedrichstraße, in dem sich heute anderes Kaufhaus befindet. In der Reichspogromnacht (9./10.11.38) wurden die Schaufenster der Manufakturei Groß demoliert, geplündert und das Inventar auf die Straße geworfen.5

Schloß

Die Bücherverbrennungen des Jahres 1933 fanden in Bruchsal u.a. vor dem Schloßwachthaus gegenüber dem Amtsgericht statt. Das Schloß war auch Zielpunkt eines Fackelzugs am 21.3.33 zur Feier der Reichstagseröffnung (Wahlen vom 5.3.33).

Stadtkirche (Jugendgruppe Neudeutschland)

Die SA-Schergen trafen sich nicht nur im "Einhorn" am Adolf-Hitler-Platz sondern auch hier im "Krokodil" (heutiges Schuhhaus 'Berg'). Es wurden nicht nur politische Gegner vom Regime verfolgt sondern auch religiöse Menschen. So hatte z.B. ein am 22.4.34 eingerichteter HJ-Streifendienst u.a. die Auf­gabe Spitzeldienste in Kirchen durchzuführen. Die Aktionen richteten sich besonders gegen die katholische Kirche. Ein Beispiel: Die religiöse Jugendgruppe "Neudeutschland" umfasste in Bruchsal im Jahre 1933 etwa 35 Mitglieder. Am 27.06.39 wurde "Neudeutschland" als Organisa­tion for­mell verboten. Bereits am 5.7.39 durchsuchten Gestapo-Leute die Wohnung des damaligen Gruppen­führers Hans Bausch (Es gab seit 28.8.33 eine Außenstelle der Gestapo in Bruchsal.). Bei Durchsuchungen und Verhören der Gestapo im Mai 1941, bei der sich der stadtbekannte Gestapo-Mann Gerst besonders her­vortat, wurden sieben Gymna­siasten wegen ihrer illegalen Wei­terführung der Gruppe aus der Schule verwiesen. Auf der Suche nach dem Mann im Hintergrund wurde der Pfarrer der Stadtkirche Franz Schmitt festgenommen und zu 10 Monaten Gefängnis verur­teilt. Nach Verbüßen der Haftstrafe wurde er von der Ge­stapo ei­ner weiteren "Sonderbehandlung" zuge­führt. Seine Erlebnisse schildert Pfarrer Franz Schmitt in dem Buch "Löscht den Geist nicht aus" (siehe Quellen­nachweis). Taschenbuch in der Stadtbibliothek „Gruppe Christopher“.

Bergfried

Seit dem 13. Jahrhundert dient der Bergfried als Gefängnis und Hinrichtungsstätte. Zur Zeit der Bauernkriege wurden hier Bauernführer hingerichtet. Während der Weimarer Republik war hier eine "mobile" Guillotine in einem Verlies deponiert. Diese wurde etwa zehnmal pro Jahr für Todesurteile in Baden zur Verfügung gestellt. Ein Bruchsaler Spediteur brachte sie morgends zum Hinrichtungsort und nach der Vollstreckung wieder zurück nach Bruchsal.

Jüdische Geschäfte - Kaiserstr.

In der Kaiserstraße gab es vor Beginn des Nazi-Terrors noch 13 weitere jüdische Geschäfte, in der Friedrichstraße 9 und im übrigen Stadt­gebiet 35. Gegenüber, wo heute das Schuhhaus Kastin ist, war ebenfalls ein jüdisches Geschäft. Anhand der Liste könnt ihr auf unserem weiteren Weg versuchen herauszu­finden, wo noch Geschäfte mit jüdischen Besitzern waren.

Liste jüdischer Geschäfte in Bruchsal bis nach 1933 (Ausschnitt)

Eisenhandlung Rudolf Schloßber­ger Holzmarkt 30 Ausstat­tungsgeschäft Max Rosenberg Holzmarkt 37 Kurzwaren Clare Türkheimer Huttenstr. 2 Malzfabrik Ludwig Wolff Huttenstr. 28 Rohtabake A. Bär und Co. Friedrichstr. 6 Häutehandlung Raphael Bär Friedrichstr. 8-10 Manufakturwaren Heinrich Carlebach, Inh. S. Ullmann Friedrichstr. 8-10 Manufakturwaren und Damen­konfektion Jakob A. Gross Friedrichstr. 15 Mode­waren Lili Hess Friedrichstr. 21 Kaufhaus Geschw. Knopf Friedrichstr. 25-27 Ausstattungsgeschäft, Kurz- und Weißwa­ren Alfred Bär Friedrichstr. 29 Ausstattungsgeschäft Isidor Einstein Friedrichstr. 42 Darmhandlung Max Löb, Metzgerei-Bedarfsarti­kel Julie Löb und Kolonialwaren- und Lebensmittelgeschäft Max Löb Friedrichstr. 55 Zigarrenfabrik Alexander Wertheimer Friedrich­str. 60 Tuchwaren­großhandlung Berthold Herzog Kaiserstr. 1 Zigarren­fabrik Barth und Fell­heimer Kaiserstr. 5-7 Rohtabake Adolf Mo­ses Kaiserstr. 14 Rohtabake J.K. Marx Kaiserstr. 19 Ausstattungsgeschäft Ludwig Bärtig Kaiserstr. 24 Malzfabrik Moritz Marx Söhne AG Kaiser­str. 29 Malz­fabrik Schrag und Söhne Kaiserstr. 31 Konfektionsge­schäft Gebr. Bär Kaiserstr. 43 Schuhwaren Louis Mayer Kaiserstr. 44 Ausstat­tungsgeschäft Aron Wolf Kaiserstr. 49 Rohta­bake Gebr. Lindauer Kaiserstr. 61 Le­derhandlung und Schuhmacherbedarfsartikel Sally Stroh Kaiserstr. 63 Eisenhandlung Gebr. Dreifuß Kaiser­str. 76 Manufaktur­waren Henriette Levin

Kaufhaus Schneider

Das ehemalige Kaufhaus Knopf ('Knopfe Eck') in der Kaiserstraße hatte einen jüdi­schen Inhaber. Bei der sog. "Arisierung", d.h. der zwangsweisen Enteignung jüdischen Besitzes, wurde es von Barsch übernommen. Daraus ist das heutige Kaufhaus Schneider hervorgegangen.

Hindenburgfeld (Fernmeldeamt)

Am 2. Mai 1933 zerschlugen die Nationalsozialisten deutschlandweit die Gewerkschaften, besetzten die Gewerkschaftshäuser und nahmen viele Gewerkschafter in sogenannte Schutzhaft;wer sich wehrte wurde totgeprügelt. Vorausgegangen waren Monate der Drangsalierung und Unterdrückung - aber auch der Anbiederung der verunsicherten Arbeitnehmer. Der 1. Mai der traditionelle Festtag der Arbeiterbewegung, wurde von den Nazis vereinnahmt und zu ihrem "Nationalfeiertag" erklärt, an dem riesige Aufmärsche stattfanden. In Bruchsal marschierten an diesem Tag neben HJ- und BDM-Angehörigen auch SA- und SS-Leute in Uniform zum damaligen Hindenburgfeld. Uns ist bekannt, daß über diese Aufmärsche ein 16mm-Film existiert. Wohin dieser nach dem Tod des ehemaligen OB Bieringer gelangt ist, konnten wir bis jetzt allerdings nicht in Erfahrung bringen. Wo heute das Fernmeldeamt steht - links neben der Post - war früher der Meßplatz. Auf dieser - offiziell Hindenburganlage genannten - Anlage fanden am 1. Mai die erwähnten Aufmärsche der SA und SS statt.

Bahnhof

Die Judenverfolgung richtete sich in Bruchsal zunächst gegen weniger beliebte Juden, so 1934 gegen den Inhaber der Papierfabrik Weil. Das städtische Schwimmbad durften die Bruchsaler Juden ab Mai 1934 nicht mehr betreten. Für die jüdischen Schüler aus Bruchsal und Umgebung wurde 1936 eine eigene Schule eingerichtet. Die ersten De­portationen erfaßten 1938 eine tschechische und mehrere polnische jüdische Familien. Am 22.10.40 wurden 79 Juden aus Bruchsal im Vorgänger der Gaststätte "ROXY" - dem "Bürgerhof" mit dem größten Saal in Bruchsal - zusammenge­trieben. Vom Bahn­hof aus wurden sie nach Gurs (Frankreich) in den Pyrenäen - eine Außen­stelle von Auschwitz - deportiert. Von der Verla­dung haben die Faschisten einen schwarz-weiß Film gedreht, über dessen Verbleib wir bis jetzt nicht in Erfahrung bringen konnten. Etwa die Hälfte von ihnen konnte befreit werden oder überlebte in einem Lager in Frankreich. 12 Personen starben in einem französichen Lager und ungefähr 30 Perso­nen sind in Auschwitz oder einem anderen Vernichtungslager im Osten ermordet wor­den. Insgesamt haben mindestens 93 Juden aus Bruchsal in der Verfolgungszeit 1933 bis 45 das Leben verloren. Nahezu vier Fünftel der Bruchsal Juden gelang es sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen

Der Augenzeuge Hans Schmitt berichtet folgendes dazu:

"Beim Abtransport der Juden hatte ich gerade Dienst auf dem Bahn­hof. Ich sah, wie ein SA-Mann in Uniform einem jüdischen Mann einen Fußtritt ver­setzte. Ich sah auch Frauen, die vor den Juden ausspuckten. Ich sah aber auch Frauen, die vor Entsetzen über diese Menschen weinten. Ich war so geschockt, daß ich nicht mehr zusehen konnte und wegging." Ein anderer Augenzeuge berichtet: "Ich hatte an diesem Tag Nachtdienst auf dem Bahnhof. Man hat sie die Trep­pen hinun­tergestoßen, angerempelt und angespuckt. Sie muß­ten zum Bahnhof mar­schieren, wo sie in Viehwagen verladen wur­den. Es war nachts. Es war schreck­lich zuzuschauen. Es waren SA-Leute in Uniform. Einige Tage nach dem Abtrans­port wurden die Woh­nungen ausgeräumt und die Möbel usw. im Gasthaus zum Löwen ver­steigert."

Synagoge (Feuerwehrhaus)

Wir kommn jetzt an die Stelle, an der die 1881 errichtete, neue Synagoge stand. In den frühen Morgenstunden des 10. Nov. 38 zwischen 4.30 und 6.00 Uhr wurde die Synagoge von unbekannten Tätern bis auf die Grundmauern niedergebrannt. SA-Leute zertrüm­merten die Schaufenster jüdischer Geschäfte. Die Ausschreitungen wurden meist von SA-Formationen in Zivil durchgeführt, die die angebliche "Volkswut" vor­täuschen sollten. Der Polizei wurde während der "Kristallnacht" Zurückhaltung aufer­legt. Die Feuerwehr hatte darauf zu achten, daß das Feuer nicht auf benachbarte Ge­bäude übergreift. Wo früher die Synagoge stand, steht heute das Bruchsaler Feuer­wehrhaus. Eine unscheinbare, kleine Gedenktafel erinnert an das, was hier geschah. Wie muß es auf die früheren Opfer wirken, wenn sie heute an der Stelle, wo Feuerwehrleute damals untätig der brennenden Synagoge zusahen, ein Feuerwehrhaus erblicken? Die kleine graue Gedenktafel wird sie sicher nicht versöhnen. Wie die Reichspogromnacht in Bruchsal verlief veranschaulichen die beiden folgenden Augenzeugenberichte. Zunächst ein Augenzeugen­bericht von Hans Schmitt aus Bruchsal: "Vom Synagogenbrand ist mir folgendes Erlebnis unauslöschlich im Gedächt­nis ge­blieben: Ich hatte an diesem Morgen bei unserem Kaplan Pius Burger in der Früh­messe zu dienen. Nach dem Gottes­dienst sagte er zu mir: 'Hans, komm wir gehen mal zur Synagoge und schauen, was da los ist!'. Als wir hin­kamen sahen wir, daß sie lichterloh brannte. Wir standen in der Nähe eines Hydranten, an welchem sich ein Feuerwehrmann zu schaffen machte. Da kam der Rabbiner gelaufen. Ich erkannte ihn an seinem Bart. Er ging zu dem Feuerwehrmann und bat mit flehender Stimme: 'So spritzen Sie doch endlich!'. Der antwortete: 'Wir haben kein Wasser.'. Das stimmte aber gar nicht. Da packte mich unser Kaplan am Arm und sagte zu mir: 'Hans, so geht es uns auch einmal!'." Eine andere Augenzeugin aus Bruchsal, die damals die 5. Klasse der Hebelschule am Marktplatz besuchte, berichtet: "Als wir an diesem Tag in die Schule kamen, hieß es, der Unter­richt falle aus, und wir sollen zur Synagoge gehen, um zu sehen, was dort geschehe. Als ich hinkam, sah ich wie Lehrer und SA-Leute in Uniform Stroh in die Flammen warfen. Ich fand dies so schreck­lich, daß ich nach Hause lief. Dabei kam ich bei der Manufaktur Groß vorbei, wo die Schaufenster zertrümmert waren und die Schau­fensterpuppen auf der Straße lagen. Es war entsetzlich." In der Wörthstraße, wo heute die Gärtnerei "Blumen-Doll" ist, war früher das Schuh­geschäft von Jenny Stroh. Die jüdische Besitzerin beging in der Reichspogromnacht aus Verzweiflung einen Selbstmord­versuch. Ihren Namen findet man ebenfalls auf der Deportations­liste der Bruchsaler Juden.

Bombardierung Bruchsals

Eine Siebenjährige schildert das Inferno wie folgt: "Am 1. März 45, gegen 2 Uhr mittags, ertönte die Sirene. Als wir noch auf der Keller­treppe waren, fielen schon die Bomben und im Nu brannte die ganze Stadt. Auch in un­serem Haus fielen Spreng- und Brandbomben. Wir mußten aus dem Keller heraus und als wir sa­hen, daß die ganze Stadt brannte, da mußten wir ins Feld fliehen. In einer Feldscheune übernachteten wir. Als wir am andern Morgen zurückkamen, sa­hen wir, daß bereits die ganze Stadt in Schutt und Asche lag. Zum Glück ist das Haus unserer Tante verschont ge­blie­ben, so daß wir bei ihr Aufnahme fanden." (Bruchsaler Heimatgeschichte, S. 65)

siehe auch unsere Linksammlung Nr. 1:

http://landfunker.de/ktv/detail.php?rubric=2&nr=64702

© Friedensinitiative Bruchsal